Bürgerkrieg 1983 – 2009

Sri Lanka steckte von 1983 – 2009 in seiner größten politischen Zereißprobe seit der Unabhängigkeit.

Zusammenfassung:
Aus dem 1956 erlassenen Sprachgestetz, das Singhalesisch anstelle von English zur offiziellen Sprache erhob, erwuchsen die  noch oftmals bis heute  ungelösten ethnischen Spannungenn zwischen Singhalesen und Tamilen. Diese gipfelten in der Forderung nach einem selbstständigen Tamilenstaat „Eelam“ im Norden und Osten der Insel und entluden sich in einem Bürgerkrieg. Friedensgespräche über eine förderative Lösung scheiterten genauso wie die Bemühungen der Armee, eine militärische Entscheidung zu erzwingen.

Dieser Konflikt und seine Hintergründe haben vielerlei Veränderungen für das Land mitgebracht: politische, kulturelle, religiöse, soziale und ökonomische.

Der Auslöser:
„Bekanntlich haben die Kolonialmächte, die Sri Lanka beherrscht haben, durch ihre verwaltungspolitischen Haltungen und Strategien nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass dieser Konflikt überhaupt entstehen konnte. Die Veränderungen, die nach der Unabhängigkeit Sri Lankas 1948, auf der Insel stattfanden, waren durch das Nationalbewusstsein sowohl der Singhalesen als auch der Tamilen motiviert und eingeleitet worden. Viele der Entwicklungen positiver und negativer Art, die Sri Lanka in den vergangenen Jahren erlebte, sind nur zu verstehen, wenn man die Kolonialzeit und das post-koloniale Sri Lanka im Zusammenhang betrachtet.

Heutzutage leben etwa 5,6% Ceylon-Tamilen und 7% Indische Tamilen in Sri Lanka, während 74% Singhalesen sind. Der Buddhismus gilt als dominierende Religion (~69%).  Laut einer Volkszählung von 1981 machten die hinduistischen Tamilen – 18% der Landesbevölkerung aus. Diese Zahlen sollte man sich merken, da der Konflikt mit einem Machtkampf – wer bekommt welche Rechte – begann und nun sehr viel diffuser um die Machterhaltung und -stärkung ausgetragen wird!

Gegen Ende der Kolonialverwaltung kamen bei Singhalesen und Tamilen nationalistische Gefühle hoch, zunächst stärker bei den Tamilen als bei den Singhalesen. Tamilen waren sich ihrer Sprache und der eigenen Identität noch bewusster, ebenso ihrer Sitten und ihrer Religion. Die meisten Singhalesen dagegen, zumindest die der Oberschicht, ahmten die Engländer nach. Nach der Unabhängigkeit Sri Lankas verstärkte sich aber bei den Singhalesen das Bewusstsein, dass sie zwar die Mehrheit der Bevölkerung Sri Lankas bildeten, von den Engländern gegenüber den Tamilen jedoch benachteiligt worden waren. Dies war ein günstiger Nährboden für die nun entstehenden nationalistischen Gefühle, die sich ähnlich wie in Indien unter anderem im Problem der Staats- und Bildungssprache äußerten.“ (Vgl.: „Perspektiven des sozialen Wandels – eine kritische Bestandsaufnahme“, Nov 2004, Dr. Mudagamuwe Maithrimurthi, Universität Leipzig;
Sri Lanka fehlt der Wille zur Föderation, Cédric Gouverneur, französischer Journalist u.a. für Le Monde Diplomatique und GEO )

Die tamilischen Separatisten, vor allem der Liberation Tigers of Tamil Eelam forderte, aus den tamilischen Siedlungsgebieten im Norden und Osten der ansonsten singhalesisch dominierten Insel einen unabhängigen Staat Tamil Eelam zu bilden. Der schwelende ethnische Konflikt zwischen Singhalesen und Tamilen mündete am 23. Juli 1983 in einen Bürgerkrieg. Die Zahl der Todesopfer während des Krieges zwischen 1983 und 2009 wird auf 80.000 bis 100.000 geschätzt.

Rolle der Religionen:      

Air force personnel display their skills during passing-out ceremony at their air force base in Trincomalee

„Obwohl der Bruderkampf der Singhalesen und Tamilen Sri Lankas nicht religiös motiviert ist, haben einige Mönche von Anfang an versucht, die religiösen Gefühle der singhalesischen Buddhisten für die nationalistische Bewegung nutzen. So haben sie sich Mitte bis Ende der 50er Jahren gegen den Bandaranayake-Chelvanayagam-Pakt gestellt, der einige Rechte der Tamilen, so z.B. die (eingeschränkte) Selbstverwaltung im Rahmen einer bundesstaatlichen Ordnung, sichern sollte. Mit Hilfe einiger prominenter oppositioneller Politiker haben sie geschafft, dass der Premier Bandaranayake diesen Plan aufgegeben hat, obwohl er eine zumindest halbwegs akzeptable Lösung für die Tamilen gewesen wäre. Die Singhalesen verpassten damit eine historische Gelegenheit, dauerhaften Frieden in ihrem Lande herzustellen.

Seit Jahrzehnten kämpfte ein Teil der hinduistisch drawidischen Minderheit – die Tamil Tigers, gewaltsam (incl. dem Mittel des Selbstmordanschlages) gegen die Hegemonie der indoarischen, buddhistischen Singhalesen. Dieser Bürgerkrieg forderte nicht nur unzählige Menschenleben, er zerstörte auch vieler Orts die Gesellschaft Sri Lankas.

Die Konferenz „Buddhismus und Konflikt in Sri Lanka“ in Bath, England (Juni 2002) hat gezeigt, dass einige Mönche noch immer mit dem Argument, dass die Singhalesen die Mehrheit der Bevölkerung der Insel darstellen, auf deren Rechte pochen und damit eher zu Verschärfung der Situation beitragen. Es muss als ein bemerkenswerter Moment der Inselgeschichte und Kirchengeschichte hervorgehoben werden, dass einige Mönche direkt mit singhalesisch-nationalistischen Parolen im Parlament auftreten. Dies passierte, als die Ex-Regierung der UNP den Friedensprozess (2001) eingeleitet und einen mehr oder weniger anhaltenden Waffenstillstand hergestellt hatte. “ (Vgl.: Perspektiven des sozialen Wandels – eine kritische Bestandsaufnahme, 2004).

Flüchtlinge nach Herkunftsregion Stand 2007

Der Transformationsprozess hin zu einem dauerhaften, „positiven“ Frieden verlief jedoch nicht erfolgreich, da die Interessen eines Großteils der Bevölkerung missachtet wurden. So ist es nicht verwunderlich, dass die Friedensverhandlungen irgendwann völlig versackten. (Vgl.: Sri Lanka – Warum der Friedensprozess scheiterte von Peter Volz (Diplom Sozialwissenschaftler mit Schwerpunkt Südasien und Konflikttransformation), 2007).

Kurzer politischer Überblick:
Wahlen 1994: Sieg der  People’s Alliance, die von der SLFP ( Sri Lanka Freedom Party) angeführt wurde

Chandrika Bandaranaike Kumaratunga:  1994 bis 2005 Präsidentin Sri Lankas.

Wahlen 2001: Sieg der United National Party

2004: Wahlsieg der United People’s Freedom Alliance

Präsidentschaftswahlen am 17. November 2005 : Rechtsanwalt Mahinda Rajapaksa gewinnt als Kandidat der Sri Lanka Freedom Party mit 50,33 %.

Bei den vorgezogenen Präsidentschaftswahlen am 26. Januar 2010 wurde Rajapaksa mit 57,88 % der Stimmen für weitere sechs Jahre im Amt bestätigt.

Reaktionen nach dem Tsunami 2004:
Auch die schlimmste Katastrophe in der Geschichte der Insel, der Tsunami vom 26. Dezember 2004 mit über 38.000 Toten, ließ die Volksgruppen nicht zusammenrücken, sondern hat den Konflikt im Gegenteil noch weiter verschärft. Jede Seite warf der anderen vor, die internationale Hilfe zu monopolisieren.

Die ökonomische Lage des Landes hängt mit der politischen Lage eng zusammen. Obwohl sich Perspektiven für eine Lösung der dringenden Probleme abzeichneten, haben viele Menschen nicht nur aus nationalistischer Motivation, sondern auch aus ihrer sich verschlechternden wirtschaftlichen Lage heraus, die letzte Regierung abgewählt.

2005 – der sechste Präsident des Landes wird gewählt:

Seit dem Amtsantritt des neuen Präsidenten Mahinda Rajapaksa (geboren: 18. Nov. 1945; seit 2005 der sechste Präsident Sri Lankas) verschärfte sich der Ton. Rajapaksa gehört der Sri Lanka Freedom Party (SLFP) an , die die Mehrheit der Wählerstimmen erhielt. Er war gegen die Autonomiebestrebungen der tamilischen Rebellen und für einen Einheitsstaat. Rajapaksa  kündigte nach der Machtübernahme Gespräche mit der Liberation Tigers of Tamil Eelam und eine Überprüfung des brüchigen Waffenstillstands von 2002 an, setzte aber auf eine militärische Lösung. Sukzessive wurden die Bürger-und Menschenrechte eingeschränkt, bzw. die Pressefreiheit abgebaut. Am 19. Mai 2009 wurde der seit 26 Jahren andauernde Bürgerkrieg in Sri Lanka schließlich für beendet erklärt.

Bei den vorgezogenen Präsidentschaftswahlen am 26. Januar 2010 wurde Rajapaksa mit 57,88 % der Stimmen für weitere sechs Jahre im Amt bestätigt. Am 8. September 2010 beschloss das Parlament von Sri Lanka mit der notwendigen Zweidrittelmehrheit eine Verfassungsänderung, die es dem Präsidenten erlaubt bei Wiederwahl mehr als 2 Wahlperioden im Amt zu bleiben. Damit kann Rajapaksa bei den spätestens im Jahr 2016 anstehenden Präsidentschaftswahlen erneut kandidieren.

Am Beispiel Sri Lankas, ist auch der von Natur aus friedfertige Buddhismus – als die dominierende Landesreligion, unter Beschuss geraten und zeigt, dass auch diese Religion unter der (jeweiligen) aktuell herrschenden Politik egoistisch agieren kann. Jede Religion lässt sich zum Blutvergießen animieren.
Es ging wie so oft um die Sicherstellung der eigenen Machtposition und um die Vernichtung von Andersdenkenden – und dieses Phänomen ist nicht nur hier bekannt, sondern auch in vielen anderen Ländern. u.a China, Russland, Türkei, Ukraine – aber ebenfalls – nur viel subtiler – in den Industriestaaten/ Erste Welt Ländern…

Der bekannte Journalist Lasantha Wickrematunge prangerte 2009 – kurz vor seiner Ermordung – vor allem die Pressefreiheit, die Korruption in der Regierung, sowie den Terror – ob von Terroristen oder vom Staat ausgehend –  in seinem Land an. Der Krieg der Regierung gegen die tamilischen Rebellen, bediente sich Mittel, die einem demokratischen Staat nicht angemessen waren – auch wenn die Rebellen ebenfalls als „blutdurstig und skrupellos“ galten. „Im Lauf der letzten Jahre sind die unabhängigen Medien des Landes immer stärker unter Beschuss geraten. Medienhäuser sind angegriffen worden: angezündet, bombardiert, abgesperrt, genötigt. Unzählige Journalisten sind drangsaliert, bedroht und getötet worden.“ (Vgl.:”Als sie mich holten..(FAZ)”)

tamils-at-menik-farm-001Der Konflikt schwelt weiterhin. Die AG Friedensforschung schreibt im Nov. 2013 in ihren Artikel „Buddha gegen unbequeme Fragen„, dass dem Gipfeltreffen des Commonwealth die Premierminister von Kanada, Indien und Mauritius fernblieben –  wegen der kritischen Menschenrechtslage im Gastgeberland. Nicht nur wegen der Lebensverhältnisse der Minderheit der Tamilen, von denen Tausende fast fünf Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges noch immer in Notunterkünften hausen, muss sich Präsident Rajapakse auf unangenehme Fragen gefasst machen. Die Präsenz der Streitkräfte in deren Gebieten ist nach wie vor erdrückend und gleicht einem Besatzungsregime. Von Aussöhnung kann keine Rede sein. Die Regierung lehnt eine internationale Untersuchung von Verbrechen an Zivilisten ab.

Menschenrechtsaktivisten schlagen den Bogen weiter und verweisen auf aktuelle Verfolgungen und Tötungen systemkritischer Journalisten, auf Todesfälle im Polizeigewahrsam, auf Folter und Vergewaltigung, das Verschleppen und spurlose Verschwinden unliebsamer Bürger sowie auf die Vetternwirtschaft des Rajapakse-Klans.

Der Präsident versucht seine Politik auf multilaterale Wirtschaftskooperationen und Investitionen zu fokussieren und die Tamilen-Frage in den Hintergrund zu drängen. Mit Wachstumsraten von knapp über acht Prozent und mehr als einer Million Touristen im Jahre 2012 kann Sri Lanka dabei mit beeindruckenden Zahlen aufwarten.

 

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